Projekt-Zusammenfassung
Ziel dieser Arbeitsgruppe ist die Entwicklung von künstlichen Geweben und Biogrenzflächen, welche sowohl das Verständnis als auch die Therapie von Augenkrankheiten mit dem Schwerpunkt vitreoretinale und korneale Krankheitsbilder fördern sollen.

 

Klinischer Hintergrund
In den frühen 1990er Jahren entstand mit dem Tissue Engineering (engl. für Gewebezüchtung) ein interdisziplinärer Teilbereich der regenerativen Medizin, der darauf abzielt, die Funktion eines biologischen Gewebes wiederherzustellen, zu erhalten oder zu verbessern. Durch die gezielte Kombination von Zellen und bioaktiven Stoffen (z.B. Wachstumsfaktoren) mit einem Biomaterial als strukturellem Gerüst können künstliche Gewebe entstehen, die sich nach der Implantation im menschlichen Körper integrieren und den Heilungsprozess fördern. Das Auge bietet mit seinen unterschiedlichen Strukturen, Zelltypen und Geweben eine Vielzahl Tissue-Engineering-relevanter Herausforderungen. Aufgrund altersbedingter Degenerationsprozesse und verschiedener Krankheitsverläufe kann es zu auftretenden Fehlfunktionen des okularen Gewebes mit dem Risiko von schweren Sehbehinderungen bis hin zur Erblindung kommen. Einen geeigneten Therapieansatz stellt die Transplantation von natürlichen (Teil-)Geweben oder artifiziellen Ersatzstoffen dar.

In der Augenheilkunde besteht insbesondere ein hoher Bedarf an geeigneten Ersatzmaterialien für die Hornhaut, die Linse und den Glaskörper. Bei der Hornhauttransplantation werden beschädigte oder erkrankte Hornhäute durch gespendetes Hornhautgewebe ganz (perforierende Keratoplastik) oder teilweise (lamellare Keratoplastik) ersetzt. Hinzu kommen über 20 Mio. Katarakt-Operationen weltweit, bei der die getrübte Linse abgesaugt und durch eine starre Kunstlinse ersetzt wird. Nicht zuletzt erfordert die Therapie von komplizierten Netzhaut- und Glaskörpererkrankungen das chirurgische Entfernen des natürlichen Glaskörpers (Vitrektomie) und einen geeigneten Ersatz des Gewebes.

Warum sind bestehende Standardtherapien nicht ausreichend?
Eine der größten Herausforderungen, vor der das Tissue Engineering bis heute steht, ist die notwendige komplexe Funktionalität eines Gewebes und dessen gezielte Integration in den menschlichen Körper. Die Anfänge der regenerativen Medizin zeigten, dass der Einsatz von rein synthetischen Materialien häufig mit der Gefahr von Fremdkörperreaktionen verbunden war, die zu beschwerlichem Implantat-Versagen sowie zu Entzündungs- und Abstoßungsreaktionen führten. Die gestörten Wundheilungsprozesse und Infektionen können zudem zur Ausbildung von Narben führen, die die Sehfähigkeit einschränken. Um die Verträglichkeit der Implantate zu verbessern, gewannen zunehmend Konzepte an Bedeutung, die bioaktive oder körpereigene Materialien integrierten. So sollen Biomaterialien und lebende Zellen die Biokompatibilität, Funktionalität und Stabilität des Implantats erhöhen und dessen erfolgreichen Einsatz zur Regeneration von Körperfunktionen langfristig sichern.

Trotz der medizinischen Fortschritte der letzten Jahre verdeutlichen der Anstieg der altersbedingten Erblindungen und der bestehende Mangel an Gewebespenden den Bedarf an alternativen Behandlungsmethoden. Am Beispiel der Hornhauttransplantationen ist die Zahl der geeigneten Transplantate durch Faktoren wie Vernarbungen und geringe Endothelzellzahlen, Haltbarkeit und positive virologische oder mikrobiologische Befunde der Transplantate limitiert. Bestehende Ansätze zur Entwicklung von künstlichen Hornhautgeweben sind zum einen durch die mangelnde Bioverträglichkeit, Geometrie und Stabilität der Gerüststrukturen und zum anderen durch die ungenügende Integration und Funktionalität der verschiedenen Hornhautzellen eingeschränkt. Mit Blick auf die Behandlung eines Katarakts ist zu beanstanden, dass bei einer Graue-Star-Operation zwar die Sehkraft wiederhergestellt wird, jedoch nicht die Akkomodation (Naheinstellung). Zusätzlich muss eine Vielzahl der behandelten Patienten aufgrund einer proliferierenden, trüben Zellschicht hinter dem Linsenimplantat (Nachstar) für eine zweite Operation vorstellig werden. Auch die bestehenden Ersatzstrategien für den entfernten, natürlichen Glaskörper nach Netzhaut- und Glaskörperoperationen sind durch den Einsatz von hydrophoben Ölen, Gasen oder Perfluorcarbenen unzureichend, da Komplikationen wie Emulsifikationen, Kataraktbildung und die Notwendigkeit einer zusätzlichen operativen Entfernung resultieren können.

Zielsetzung
Durch die Kombination von Zellen, Biomaterialien und bioaktiven Stoffen wie Wachstums- und Differenzierungsfaktoren sollen mit Blick auf die klinische Anwendung gezielt neue regenerative Behandlungsstrategien entwickelt werden:

  • Entwicklung der weltweit ersten Tamponade für die Netzhautchirurgie auf Basis eines Hydrogels, welche die natürlichen Eigenschaften des gesunden Glaskörpers nachbildet. Der aktuelle materialbasierte Entwicklungsstand soll durch Inklusion von Zellen und/oder Zellprodukten um die Ebene des Tissue Engineerings erweitert werden.
  • Entwicklung einer echten akkommodierenden Linse auf Basis eines flexiblen biokompatiblen Hydrogels, mit dem der Kapselsack nach Femtosekunden-laser-gestützter Linsenentfernung wieder aufgefüllt werden soll.
  • Entwicklung eines transplantierbaren bioresorbierbaren Trägersheets mit kultivierten autologen oder hiPSC-abgeleiteten Limbusstammzellen zur Behandlung von Patienten mit Hornhautblindheit aufgrund schwerster Verbrennungen/Verätzungen.
  • Entwicklung eines dreidimensionalen künstlichen Hornhautkonstrukts mit Rezellularisierung durch autologe oder hiPS-abgeleitete Hornhautzellen sowie die Optimierung der Präparations- und Kultivierungstechniken für künstliche Biomatrix-Konstrukte im Vergleich zu modifizierten Hornhaut-Spenderlamellen.

Über den Erhalt bzw. die Rückgewinnung von funktionellem Gewebe hinausgehend wird darauf abgezielt, das Risiko potentieller Abstoßungs- und Entzündungsreaktionen nach Transplantation zu reduzieren und den Therapieerfolg eines Transplantats langfristig zu sichern. Dazu ist es notwendig, die Biogrenzfläche mit ihren vielfältigen Zell-Matrix-Interaktionen in den fächerübergreifenden Fokus von Medizin, Biologie, Chemie und Materialwissenschaften zu rücken. Das Design von künstlichen Geweben und definierten Biogrenzflächen erfordert dabei ein tiefes Verständnis der komplexen Wechselwirkungen zwischen Material und Zelle, das unter Laborbedingungen außerhalb des Organismus -in-vitro- erlangt werden kann.

Wie ist der Projektstand?
Es besteht langjährige Erfahrung mit der Entwicklung biopolymerer Materialplattformen, insbesondere von Hydrogel-basierten Gerüststrukturen, sowie der Isolation, Kultivierung und Manipulation verschiedenster Zellen für das Tissue Engineering. Kritische Materialeigenschaften zur Herstellung biomimetischer Systeme wurden definiert und tiefergehend untersucht. Studien zum Einfluss der Materialoberfläche und von Proteinen auf die Biogrenzfläche lieferten Erkenntnisse zur gezielten Kontrolle und Steuerung von Zellfunktionen. In in-vitro-Studien wurden erste, vielversprechende Materialsysteme getestet, mit Zellen besiedelt und die resultierenden Zell-Matrix-Kontakte analysiert. Die Evaluation der Prototypen in-vivo wird zur Zeit weiter vorangetrieben.

Durchlicht-und Immunfluoreszenzaufnahmen in-vitro kultivierten Zellschicht humaner retinaler Pigmentepithelzellen - Tissue Engineering Sulzbach Augenklinik Saarland
Durchlicht- (links) und Immunfluoreszenzaufnahmen (mittig, rechts) einer in-vitro kultivierten Zellschicht humaner retinaler Pigmentepithelzellen nach Kontakt mit Hyaluronsäure-basierten Glaskörperersatzstoffen. Der Erhalt stabiler Zell-Zell-Verbindungen (rot: Tight Junction-Protein ZO-1, blau: Nuklei) bekräftigt die Verträglichkeit des Hydrogelsystems
Wie sind wir methodisch aufgestellt?
  • Extraktion und Präparation von Geweben
  • Toxizitäts-Assays
  • Synthese und Modifikation artifizieller Gerüststrukturen
  • Biochemische Dezellularisierung von tierischem Gewebe
  • Bestimmung physikochemischer Materialeigenschaften (Benetzbarkeit, Ladung, Rauigkeit, Topografie, Stabilität/Degradation, Porosität, rheologische und mechanische Charakteristika)
  • Analyse der Proteinadsorption (Quantität, Stabilität, Faltungsprozesse)
  • Zellkulturtechniken mit Adhäsions-, Proliferations-, Migrations- und Differenzierungs-Assays
  • Histologische Gewebsschnitte
  • Molekularbiologische Assays (qPCR)
  • Immunologische Methoden (ELISA, Immunfluoreszenz, FACS, Western Blot)
  • Vitreoretinale Operationseinheit (Funduskopie, OCT, Augendruckmessung)
  • Elektrophysiologische Untersuchungseinheit (ERG)

Das Projektteam
Dr. rer. nat. André Schulz (Arbeitsgruppenleiter)
Dr. med. Annekatrin Rickmann
Dr. rer. nat. Silke Wahl
Dr. rer. nat. Henrike Julich-Härtel
Prof. Dr. med. Kai Januschowski
Prof. Dr. med. Peter Szurman

Kooperationspartner
Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT

Schlüsselpublikationen

      • Schulz A, Rickmann A, Wahl S, Germann A, Stanzel B V, Januschowski K, Szurman P (2020). Alginate-and hyaluronic acid–based hydrogels as vitreous substitutes: An in vitro evaluation. Transl. Vis. Sci. Techn., 9(13): 34.
      • Schulz A, Rickmann A, Julich‐Haertel H, Germann A, von Briesen H, Januschowski K, Szurman P (2020). Comparative cytotoxic and antiproliferative profile of methotrexate and fluorouracil on different ocular cells. Acta Ophthalmologica.
      • Schulz A, Wahl S, Rickmann A, Ludwig J, Stanzel BV, von Briesen H, Szurman P (2019): Age-related loss of human vitreal viscoelasticity. Transl. Vis. Sci. Techn., 8(3): 56.
      • Schramm C, Spitzer MS, Henke-Fahle S, Steinmetz G, Januschowski K, Heiduschka P, Geis-Gerstorfer J, Biedermann T, Bartz-Schmidt KU, Szurman P (2012): The crosslinked biopolymer hyaluronic acid as an artificial vitreous substitute. Invest Ophth Vis Sci, 53 (2), 613-621.
      • Schulz A, Gepp MM, Stracke F, von Briesen H, Neubauer JC, Zimmermann H (2019): Tyramine-conjugated alginate surfaces as a platform for bioactive scaffolds. J. Biomed. Mater. Res. A., 107(1): 114-121.
      • Schulz A, Katsen-Globa A, Huber EJ, Mueller SC, Kreiner A, Pütz N, Gepp MM, Fischer B, Stracke F, von Briesen H, Neubauer JC, Zimmermann H (2018): Poly(amidoamine)-alginate hydrogels: Directing the behavior of mesenchymal stem cells with charged hydrogel surfaces. J. Mater. Sci. Mater. Med., 29: 105.
      • Yoeruek E, Bayyoud T, Maurus C, Homann J, Spitzer MS, Bartz-Schmidt KU, Szurman P (2012): Decellularization of porcine corneas and repopulation with human corneal cells for tissue-engineered xenografts. Acta Ophthalmologica, 90(2): 125-131.



Aktuelles zum Corona Virus

Kontakt

Callcenter:
06897 / 574-1121

E-Mail-Formular

Notfallambulanz (Pforte, außerhalb der Callcenter-Sprechzeiten):
06897 / 574-0

Privatambulanz (Chefarzt-Sekretariat):
06897 / 574-1119

Adresse:
Augenklinik Sulzbach, An der Klinik 10
66280 Sulzbach

Anfahrt

Kontakt

Arbeitsgruppenleiter Tissue Engineering

Arbeitsgruppenleiter André Schulz, M.Sc. Tissue Engineering Augenklinik Sulzbach Saarland

Dr. rer. nat. André Schulz

 

Logo KHERI augenklinik saar

Aktuelles zum Corona Virus

EVICRnet logo

Das Prüfzentrum ist Mitglied vom European Vision Institute Clinical Research Network (EVICR.net), einem Netzwerk von europäischen ophthalmologischen klinischen Studienzentren an. Durch diesen Zusammenschluss wird klinische Forschung in der Augenheilkunde gemäß der europäischen und internationalen Richtlinien für klinische Studien in höchster Qualität gewährleistet.

 

neu-Forschung: Am Puls der Zeit

Wir haben mehrere Forschergruppen im eigenen Reinraum-Labor, ein klinisches Studienzentrum sowie Entwicklungspartnerschaften mit renommierten Medizintechnik-Firmen und dem Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT.

 

Erfahren Sie mehr

Forschung und Lehre

KTQ Zertifikat

Wussten Sie schon?

Unser hohes Maß an Qualität wurde uns als erster Klinik im Saarland offiziell zertifiziert. Das KTQ-Siegel steht für Patientenorientierung, geprüfte Qualität und Sicherheit.